Jahresrückblick 2015 – aus Sicht der Vegetation

Ilona SchneiderNewsKommentar schreiben

Das Jahr 2015 wird sicherlich aus weinbaulicher Sicht als ein sehr extremes Jahr in Erinnerung bleiben. Extrem in seinem meteorologischen Verlauf, aber auch extrem in den daraus resultierenden Reb-schutz- und Weinbauproblemen. Extrem deshalb, weil Sie wider erwarten fast gänzlich ausblieben.
Herausragende Merkmale des Jahres 2015 waren extreme Temperaturen und die lang andauernde und extreme Trockenheit. Lediglich der Januar brachte ausreichend Niederschläge, die restlichen Monate waren, bis zum heutigen Tag, durchgängig zu trocken. Die Regenstatistik hat sich zwar immer wieder durch Starkregenereignisse „schöngerechnet“, die dabei angefallenen Wassermengen standen aber zu einem großen Teil nicht den Reben zur Verfügung, da sie vom Boden nicht aufgenommen werden konn-ten und oberflächlich abflossen. So fielen z.B. in Rüdesheim am 12.06. binnen kurzer Zeit 65 Liter/m², sodass sich dort die Juni-Bilanz mit 93 Liter als durchaus ausreichend liest. Da aber von diesen Mengen nur ein Bruchteil tatsächlich in den Boden einsickern konnte, war trotz 93 Liter Niederschlag auch der Juni zu trocken. Das Defizit aus den Monaten Februar bis Oktober liegt (bereinigt) bei ca. 180 Liter, ein katastrophaler Wert für einen Trockenstandort wie den Rüdesheimer Berg.
Trockenstress
Die logische Folge einer solch extremen Trockenphase ist Trockenstress für die Reben. Doch es war für uns alle sehr überrascht, dass dennoch in den meisten Anlagen davon nichts, oder nur sehr wenig, zu sehen war. Selbst in den trockenen Steillagen war das Laub bis in den Herbst hinein grün und die Reben wirkten noch sehr vital. Lediglich Jungfelder und schlecht gepflegte Weinberge zeigten durch massive Blattverfärbungen, wie schlecht es den Reben tatsächlich ging, und nicht wenige Junganlagen kämpften ums Überleben.
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Sonnenbrand
Die 2. meteorologische Besonderheit war das hohe Temperaturniveau. Die stärkste Abweichung regis-trierten wir im Monat Juli, wo in Eltville die Tagesmitteltemperatur um 2,4° C höher lag als das langjähri-ge Mittel. Die höchste Temperatur im Rheingau wurde am 07.08. mit 38,5°C an unserer Wetterstation in Erbach gemessen, in Heppenheim an der Hessischen Bergstraße waren es sogar 40,1 °C. Trotz dieser Extremtemperaturen blieben aber die befürchteten Sonnenbrandschäden weitgehend aus. Nur verein-zelt wurden Trauben geschädigt, am stärksten am 30.08. als das Quecksilber noch einmal auf über 35°C anstieg.
Peronospora
Diese Krankheit hatte im gesamten Jahr keine Chance Fuß zu fassen. Das Prognosemodell rechnete lediglich für die Station Hochheim eine einzige Bodeninfektion, alle anderen Standorte blieben bis zum Saisonende „jungfräulich“. Diese errechnete Situation spiegelte sich dann auch tatsächlich 1:1 in der Realität wieder. Auf keinem Standort wurden bis in den Herbst hinein Infektionen festgestellt. Im gesam-ten Gebiet und Jahr fanden wir trotz intensiver Suche, auch in unbehandelten Anlagen, ganze 6 (in Wor-ten SECHS) Ölflecke, die aber keinem der herkömmlichen Infektionswege entsprangen.
Oidium
Beim Oidium sah es etwas anders aus. Dieser Pilz liebt heiße, trockene Phasen, und davon hatte das Jahr 2015 reichlich im Angebot. Der Infektionsdruck stieg ab der Blüte rapide an, konnte aber nirgends zu ernsten Schäden führen, da die Bekämpfungsmaßnahmen konsequent und mit der richtigen Mittel-wahl durchgeführt wurden. Nur wer schluderte, oder seine Abschlussspritzung zu früh setzte, bekam in gefährdeten Sorten und Lagen, Probleme mit massivem Spätbefall.
Botrytis
Der Regen im September kam wie so oft zur Unzeit und wurde von den durstigen Reben dankbar ange-nommen. Dieses Angebot konnten aber vielerorts die Trauben nicht unbeschadet aufnehmen und so kam es nicht nur zu Schäden bei kompakten Trauben durch Abquetschungen, sondern auch bei locker-beerigen Trauben durch Beerenplatzen. Wo die ausgewachsenen Beerenhäute dem Druck des aufge-nommenen Wassers nicht mehr standhalten konnten, platzten diese regelrecht auf und die Botrytis fand viele Eintrittspforten. Allerdings war der Schaden meist bedeutungslos, das Gegenteil war oft der Fall. Da die Trauben zum Zeitpunkt der Botrytis-Infektionen schon hohe Mostgewichte erreicht hatten und der Oktober sonnig und trocken wurde, entwickelte sich an den geschädigten Trauben Edelfäule und viele hochwertige Qualitäten waren der krönende Abschluss eines wechselreichen Jahres.
Traubenwickler
Im Jahr 2015 liefen alle RAK-Verträge aus und mussten für die nächsten 5 Jahre neu abgeschlossen werden. Mit diesem Neubeginn wurde die staatliche Förderung von 150,00€ auf 110,00€ gekürzt und wir waren sehr gespannt, wie sich diese Kürzung auf die künftige RAK-Anwendung auswirken würde. Er-freulicherweise kam es nicht zu einer Reduzierung der Behandlungsfläche, sondern die Altverträge wur-den in vollem Umfang erneuert – in einigen Bereichen sogar ausgeweitet. Ein klares Zeichen dafür, wie zufrieden die Anwender mit diesem umweltfreundlichen und zuverlässigen Verfahren sind. Ab diesem Jahr sind ca. 95% der gesamten Rheingauer Gemarkung mit RAK-Ampullen abgehängt, der Rheingau ist also fast flächendeckend insektizidfrei. Und der Erfolg gibt den Winzern recht. In keinem Gemar-kungsteil wurde in den RAK-Flächen Traubenwicklerflug festgestellt und nirgends traten Schäden auf.
Kirschessigfliege
Der „Schädling des Jahres 2014“ hat uns in diesem Jahr am meisten überrascht. Nach der Hysterie und den Schäden im letzten Jahr waren alle hellwach und auf einen neuen KEF-Angriff vorbereitet. Aus den 2014er Erfahrungen hatten wir alle viel gelernt und eine wirksame Bekämpfungsstrategie mit einem ent-sprechenden Vorwarnsystem (Fallen, Eibonituren) war auf breiter Basis angelegt. KEF konnte kommen – aber sie kam nicht !!! Weder in den vielen Becherfallen wurden nennenswerte Falterfänge registriert, noch kam es zu einer messbaren Eiablage, sodass die befürchteten Schäden vollends ausblieben und ein Insektizideinsatz nirgends notwendig wurde. Das trocken-heiße Wetter hat offensichtlich bei KEF seinen Tribut gefordert. Was das für das kommende Jahr bedeutet? Wir wissen es nicht! Möglicherweise wird 2016 wieder ein KEF-Jahr, dem wir dann aber nicht wieder schutzlos begegnen müssen.

(Quelle: Weinbauamt Eltville – 19.11.2015)

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